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Einmaliges Forschungsprojekt beim TE-FR Drucken E-Mail
Geschrieben von: Gabi Gründling   

Der Transeuropalauf 2009 (TE-FR) ist nicht nur aus läuferischer Sicht ein Highlight dieses Jahres, er könnte es auch aus Forschersicht werden. Der “Wanderzirkus” TE-FR wird nämlich von einem mobilen Magnetresonanztomographen (MRT) begleitet.

Ein Forscherteam von der Uniklinik Ulm, bestehend aus zwei Ärzten, einem Doktorranden und einer medizinisch-technischen Assistentin, wird während der 64 Etappen jede Menge Untersuchungen vornehmen. Die Läufer, die sich bereiterklärt haben als Probanden zur Verfügung zu stehen, wurden in vier Gruppen eingeteilt, weil es natürlich nicht jedem zumutbar ist, ständig alle Untersuchungen über sich ergehen zu lassen. Das Studienprotokoll sieht unter anderem vor, dass jeder Freiwillige 2x täglich Urin abgibt, 1x pro Woche “zur Ader gelassen” wird und alle 5-6 Tage ca. 45 min lang im mobilen MRT untersucht wird. Derzeit haben 38 Freiwillige fest zugesagt, Dr. Christian Billich, einer der beiden Projektleiter, geht aber davon aus, daß sich in Bari noch weitere Freiwillige melden werden, so gab es z.B. von den 14 japanischen Läufern bislang noch keine Rückmeldung, was bislang wohl auch an einem Kommunikationsproblem liegt. Das Team um Dres Uwe Schütz und Christian Billich hat sich jetzt auch einzelne Fragebögen in Japanisch besorgt und hofft, so auch noch einige der 14 asiatischen Lauffreunde für sich gewinnen zu können.

Das mobile MRT befindet sich auf einem LKW, der gerade so groß ist, daß er keiner Sondergenehmigung für Schwertransporte bedarf. Also riesig. Gefahren wird er von Dr. Schütz, der bei der Bundeswehr den LKW-Führerschein erworben und in den letzten Wochen regelmäßig Fahrstunden zur Auffrischung genommen hat. In den ersten 10 Tagen wird er von der Schwägerin von Tom Wolter-Roessler unterstützt, die sowieso als Betreuerin beim TE-FR anwesend sein wollte und zufälligerweise LKW-Fahrerin ist.

Untersucht werden vier Schwerpunktbereiche: Bewegungsapparat, Zentrales Nervensystem & Psyche, Herz-Kreislauf-System und Fett-Wasser-Muskel-Verteilung im Körper. Für das Zusammentragen der Fragestellungen und die späteren Auswertungen stehen den Ulmern Kollegen aus der eigenen Klinik und “der Fremde” zur Verfügung. In Läuferkreisen bekannt ist natürlich der Schweizer Beat Knechtle. Beat hat ja schon Untersuchungen in Sachen Körperfett beim Deutschlandlauf, Isarlauf und div. anderen Läufen vorgenommen. Auch er wird in seinem Forschungsbereich von den Untersuchungsergebnissen partizipieren. Das MRT kann z.B. viel genauer aufzeichnen, wie sich das Körperfett verteilt und wie es abnimmt als die gemeine Körperfettzange.

Christian Billich ist selbst Hobby-Ultraläufer mit Erfahrungen u.a.. auf la Reunion, beim Swiss Alpin oder in Biel. Sein Kollege Uwe Schütz und er hatten die Idee, nach Studien an Marathonanfängern beim letztjährigen Ulmer Einstein-Marathon, die Ultragemeinde ins Visier zu nehmen. Der TE-FR bietet sich als Langzeitstudie so gut an wie sonst kein anderer Lauf. Die Forscher haben die einmalige Gelegenheit, gleich mehrere Sportler über einen langen Belastungszeitraum regelmäßig zu untersuchen und die Veränderungen im Körper zu beobachten.

Ein kleines Beispiel, das jedem von uns in den Sinn kommen könnte, wenn wir darüber nachdenken: der Shin Splint. Mal davon abgesehen, daß es verschiedene Theorien gibt, um was es sich dabei genau handelt, weiß man bisher auch nicht, warum es möglich ist, diesen “wegzulaufen”. Der Sportler im Training wird üblicherweise pausieren, wenn er vom Shin Splint befallen wird und erst weitermachen, wenn er weg ist. Aus eigener Erfahrung oder vom Zusehen respektive Zuhören wissen die meisten von uns, daß es möglich ist, den Shin “rauszulaufen”. Dabei stellen sich dann zwei Fragen: besiegt der Ausdauersportler den Shin mit dem Kopf? Ignoriert er ihn also und besiegt so mental den Schmerz? Oder hilft/heilt sich der Körper einfach selbst, wenn er merkt, daß er nicht aus dem Rennen genommen wird, weil es eh keinen Sinn macht, den Shin aufrecht zu erhalten? Auf solche und viele andere Fragen erhoffen sich die Forscher Antworten. Die Studienergebnisse könnten zukünftig in Lehrbücher eingehen.

Natürlich besteht für die Forscher das Endrisiko, durch zu viele Ausfälle unter ihren Probanden nicht wirklich ausreichend Ergebnisse bis zum Ende zu erhalten. Allerdings liefert ja auch jeder Non-Finisher Datensätze bis zu seinem Ausstieg, so daß ein ausgefallener Kandidat ja nicht “Null Ergebnis” bedeutet. Die Freiwilligen wurden per Zufallsauswahl auf die vier Gruppen verteilt, man hofft, wie auch Ingo Schulze bei seinen Teilnehmern allgemein, rund 50% bis ans Nordkap beobachten zu können.

Die Idee des Forschungsprojekts entstand 2008. Im Herbst versuchte man, in der Industrie Sponsoren zu finden. Aufgrund der weltweiten Finanzkrise hätte der Zeitpunkt kaum ungünstiger sein können und so blieb die Suche erfolglos. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG), die zentrale Förderorganisation für Forschung in Deutschland, die ihr Geld überwiegend von Bund und Ländern bekommt, schließt eigentlich Fördergelder für gemietete Anlagen explizit aus. Unter dem Motto “probieren geht über studieren” bewarb man sich dennoch um Forschungsgelder. Und siehe da – das Glück ist mit dem Tüchtigen. Die DFG unterstützt das Projekt aufgrund der Einmaligkeit der Untersuchungsmöglichkeiten mit 200.000 €.

Übrigens: wenn Probanden aussteigen, müssen die anderen dafür nicht öfter “ran”. Der 5-6 Tage-Zyklus wird auf jeden Fall eingehalten. Und wenn mal einer an einem Tag, an dem er eigentlich an der Reihe wäre, lieber in Ruhe gelassen werden will, gibt es auch dafür Raum und Zeit. Der 5-6 Tage-Rhythmus muß nicht sklavisch eingehalten werden.

Schon im Vorfeld werden die Läufer getestet. Wer vor dem Start noch Zeit hatte, nach Ulm zu fahren, war dort gern gesehen. Jeder, der nicht erst in Bari untersucht werden muß, macht die Sache stressfreier.

Ein Beispiel für einen Test der vor dem Lauf durchgeführt wurde und dann unterwegs in Teilen immer wieder wiederholt werden soll, dient der Untersuchung von Fähigkeiten zur Schmerzunterdrückung. Haben Ultraläufer im Vergleich zu „Otto Normalverbraucher” eine ausgeprägtere Fähigkeit Schmerzen zu unterdrücken? Um dieser Frage nachzugehen werden auf die Zeigefingerkuppe der rechten Hand, einem sehr schmerzempfindlichen Punkt unseres Körpers, Stromreize gegeben. Die Probanden müssen den Schmerz auf einer Skala von 1-10 einordnen, wobei 10 bedeutet “nicht mehr auszuhalten”. Die Voltzahl, für die sie 9 empfinden, wird festgehalten. Ein Läufer schaffte es bis auf 155 Volt. Diese Voltzahl wird im 50 Sekunden-Abstand und für jeweils 50 Sekunden 6x hintereinander erneut ‘”eingespeist” und via MRT wird dann unter anderem das Schmerzzentrum des Läufers beobachtet. Auffällig ist z.B., daß hoch belastete Ausdauersportler den Schmerz durch z.B. Willenskraft “wegdrücken” können, so dass die Schmerzwahrnehmung während der Untersuchung zum Teil bis auf eine 6 abnimmt. Bei einem Nichtausdauersportler tritt das Gegenteil ein, das Schmerzzentrum reagiert verstärkt, der “9-Schmerz” wird ruckzuck zum 10er.

Ich werde im Mai eine Woche beim TE-FR sein und dann auch die Forschungen der Ulmer Mediziner beobachten können. Ihr könnt sicher sein, dann auch wieder hier davon lesen zu können.

(Gabi Gründling 04/2009)

 
 
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