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Wie sieht eigentlich die Erholung von einem schweren Etappenlauf wie dem durch das Bergische Land aus? Da ich zuvor noch keine Erfahrungen mit einem derartigen Wettkampf hatte, war mir natürlich auch nicht so richtig klar, wie man die ‚Post-Race-Time’ verbringen könnte. Da kam mir der Anruf von Jens Lukas gerade recht. „Wollen wir nicht zum 'Trail de la Vallée des Lacs' nach Gérardmer fahren?“ Die Veranstaltung fand am Pfingstsonntag statt. Vier andere Freunde hatte er bereits von der absoluten Notwendigkeit einer Teilnahme überzeugt, so dass mir gar nichts anderes übrig blieb, als zuzusagen. Zudem hatte ich ja im Bergischen Land reichlich Erfahrung mit dem Landschaftslauf gemacht, dachte ich.
„Wie lang ist der Lauf?“
„Gut 58 Kilometer.“
„Aha und wie viele Höhenmeter?“
„Ungefähr 2500.“
Nach der Beschaffenheit des Untergrundes hatte ich unvorsichtigerweise nicht gefragt, das war ziemlich naiv. „Na gut, locker durchlaufen, geht eigentlich immer“ und so sagte ich zu. Jens war so freundlich, eine Unterkunft auf einem Campingplatz zu besorgen. Weitere Mitstreiter waren Maya Lukas, Peter Beil sowie Agnes und Bertram Wagenblatt, die wir bei der Startunterlagenausgabe treffen wollten.
Auf meinem Weg nach Gérardmer gabelte ich die Lukasse und deren Lauffreund Peter in Karlsruhe auf und los ging’s in Richtung Vogesen. Auf unserem Weg kamen wir unter anderem durch Munster, der Strochenstadt. Beinahe auf jedem Dach ein Storchennest. Dann weiter über den Col de la Schlucht nach Gérardmer.
Bei der Anmeldung, die sehr unkompliziert vonstatten ging, erhielt man neben der Startnummer noch eine Flasche Bier und einen Weichkäse, gewissermaßen als Proviant bis zum nächsten Morgen. Die Unterkunft auf dem Campingplatz entpuppte sich als ein Karavan in Leichtbauweise. Zunächst war mir nicht ganz klar, wie sechs erwachsene Menschen auf der etwa zehn Quadratmeter großen Grundfläche schlafen sollten. Es war aber möglich und für eine Nacht auch kein großes Problem. Besonders bequem hatten es die Wagenblatts, die sicher von den Vibrationen des Kühlschrankes ganz sacht in den Schlaf gewiegt wurden.
Am nächsten Morgen gab es eine Stunde vor dem Start ein 'petit dejeuner' am Start-Ziel-Bereich. Hm, mit vollem Bauch an den Start gehen, die Franzosen wissen eben, wie man uns Läufer erfreuen kann. Carmen Hildebrand gesellte sich zu uns, sah aber noch nicht ganz erholt aus nach ihrem tollen 24-Stundenlauf in Basel vor drei Wochen. Eine weitere Karlsruherin, Nicola Wahl, war morgens angereist und frühstückte ebenfalls im Selbstbedienungsrestaurant.
Nachdem kein Kaffee mehr zu ergattern war, mußten wir uns so langsam mit dem Gedanken anfreunden, dass bald der Startschuss erfolgen sollte. Die verbleibende Zeit nutzten wir dann noch zu einer intensiven Diskussion über Bertrams Leichtlauf-Straßen-Schuhwerk.
„Mensch Bertram, was willste denn mit den Schuhen hier in den Vogesen?“
„Laufen, was sonst?“
Dann erfolgte eine Ansprache des Organisators, in der er darauf hinwies, wie schwer es in diesem Jahr gewesen sei, die behördlichen Genehmigungen zu erhalten und bat uns, unterwegs keinen Müll zu hinterlassen. Dann ging es endlich los. Ich staunte zunächst nicht schlecht, wie schnell da gleich den ersten Anstieg hochgestürmt wurde. Viele hatte Stöcke dabei, was ich bislang gar nicht kannte. Man mußte schon ein wenig aufpassen, nicht aufgespießt zu werden. Die ersten 14 Kilometer verliefen über recht gut zu belaufende Wege. Die beiden ersten Frauen waren unmittelbar vor mir.
„Auch nicht viel anders als ein Landschaftslauf in Deutschland,“ war mein Gedanke, doch dann kam bereits der erste kräftige Abstieg auf einem „Wiesenweg“ hinunter in eine Ortschaft. Selbstverständlich hatte man die verlorenen Höhenmeter gleich wieder in die andere Richtung zu bewältigen. Auf einem kurvenreichen Minipfad ging es so steil weiter, dass die Atmung schon ziemlich schnell wurde. Pech gehabt, nichts mit „locker durchlaufen“. Die erste Verpflegungsstelle bei Kilometer 18 passierte ich, ohne mich aufzuhalten. Sehr profiliert ging es dann auch permanent weiter. Oft mußt man über umgestürzte Bäume klettern. Bei einem Teilstück hatten sich Waldarbeiter wohl den Spaß gegönnt, kurz zuvor noch viele Bäume zu fällen und zwar gerade so, dass sie den Weg versperrten. „Drüber klettern oder unten durchkriechen“ war die Gretchenfrage, die mit zunehmender Renndauer nicht mehr so einfach zu beantworten war. Ich lief schon ziemlich allein und manchmal hatte ich Bedenken, noch auf dem rechten Pfad zu sein, so dass ich langsamer wurde. Aber irgendwann kam dann von hinter wieder jemand, stürmte in den Bergabpassagen an mir vorbei, um beim nächsten steilen Anstieg wieder überholt zu werden.
An einer Stelle passierte man die „route des crêtes“ und dann begann der Aufstieg zum 1300 Meter hohen Hohneck. Auf einem Wiesentrail blühten riesige Anemonen und es gab sogar einige Schneefelder. Ein kalter Wind kam auf und die bis dahin angenehmen Temperaturen sanken erheblich. Von weitem sah man weit oben die Hütte auf dem Hohneck, wo die zweite Verpflegungsstelle eingerichtet war. Da es auf dem gesamten Trail keinerlei Kilometerangaben gab, wußte ich nicht, wie schnell bzw. wie langsam ich war. Das letzte Teilstück zum Hohneck war ein fieser Anstieg mit hohen treppenartigen Stufen. Am Verpflegungspunkt wurde ich herzlich begrüßt. Mein Trinkrucksack wurde mir gleich vom Rücken gerissen und aufgefüllt. „Wie in Le Mans beim Boxenstop“ war die Bemerkung des freundlichen Helfers. „Quatorze ! Allez !“ Auch noch Vierzehnter, damit hatte ich nun nicht gerechnet. 40 Kilometer waren gelaufen, meine Uhr zeigte exakt vier Stunden Laufzeit an.
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| Carmen |
Jens |
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| Nicola |
Bertram |
Hinunter vom Hohneck mußte eine Art Moor passiert werden und man war gezwungen, teilweise auf unangenehmen Holzstegen zu laufen. Bereits hier überholten mich einige Läufer, die wohl im Bergablaufen besondere Qualitäten haben mußten. Dann kam aber das schlimmste Stück des gesamten Trails. Auf einem groben Felspfad ging es zu einem See ins Tal. Mehrmals stieß ich mit der Fußspitze gegen einen Felsen. Normalerweise nicht so schlimm, aber nachdem ich meinen letzten intakten Zehnagel der Großzehe bei der Deutschen Meisterschaft in Rodenbach eingebüßt hatte, tat der Stoß richtig weh. Ich war heilfroh, als diese Passage vorüber war. Danach kamen die einzigen 500 Meter, die ich wegen ihrer Steilheit nicht hoch laufen, sondern nur im Wanderschritt bewältigen konnte. Immer wieder ging es steil bergan und ich überholte noch einige Läufer. Großen Respekt hatte ich vor dem letzten Kilometer. Jens hatte mir am Start schon eine Skipiste gezeigt: „Da kommen wir nachher dann runter“ Ich dachte zunächst an einen Scherz, denn ich konnte mir nicht so recht vorstellen, wie man auf so einer Skipiste hinunter laufen sollte. Aber diese Erfahrung konnte ich dann am Schluss des Wettkampfes machen. Ein Erlebnis, auf das man durchaus verzichten könnte, aber es gehörte eben dazu. Dafür entschädigte der Zieleinlauf mit viel Publikum und guter Stimmung. An zehnter Stelle beendet ich den Lauf und konnte nun in der Nähe des Verpflegungsstandes auf die anderen Läuferinnen und Läufer unserer Gruppe warten.
Zunächst gelangte Jens zum Ziel, der mit seiner Leistung nicht ganz zufrieden war. Nach gut sieben Stunden konnten wir gemeinsam den Zieleinlauf von Carmen beobachten und kurze Zeit später war sahen wir auch schon Maya die Skipiste hinunterlaufen. Für mich war ihre großartige Leistung die größte Überraschung. Als Bertram im Ziel eintraf, war ihm klar, dass seine Fußbekleidung nicht optimal geeignet war. Nicola machte einen lockeren Eindruck, den armen Peter hatte es allerdings arg gebeutelt. Sein erster Ultramarathon verlief überhaupt nicht nach seinen Vorstellungen. Agnes kam noch weit unter dem Zeitlimit ins Ziel und freute sich.
Im Restaurant gab es warmes Essen (nicht für Vegetarier geeignet) und wir verbrachten die Zeit mit Fachsimpeln und Austauschen des Erlebten. Leider mussten wir uns relativ früh auf den Heimweg machen, denn am Pfingstmontag erwartete man mich in der Klinik.
Zusammenfassend war es ein absolut gelungenes Wochenende mit einem schönen Lauferlebnis. Der Wettkampf ist aber definitiv nichts für unerfahrene Trailläufer. Der Parcours ist in beinahe jeder Hinsicht nicht mit Landschaftsläufen in Deutschland vergleichbar. Für das kommende Jahr plane ich, ausgeruht an den Start zu gehen.
Die Ergebnisse der deutschen Teilnehmerinnen und Teilnehmer
| Gesamtrang |
Name |
Vorname |
Jahrgang |
Zeit [h] |
| Frauen |
| 107 (5. Frau) |
HILDEBRAND |
Carmen |
69 |
07:04:09 |
| 128 (6. Frau) |
LUKAS |
Maya |
71 |
07:12:27 |
| 184 (8. Frau) |
WAHL |
Nicola |
63 |
07:35:49 |
| 305 (22. Frau) |
SCHAFFRICK |
Marion |
56 |
08:27:53 |
| 364 (31. Frau) |
FRANKE |
Christiane |
64 |
09:02:00 |
| 391 (36. Frau) |
WAGENBLATT |
Agnes |
57 |
09:39:00 |
| Männer |
| 10 |
HINZE |
Stefan |
63 |
05:38:36 |
| 16 |
MUNTENASU |
Petru |
70 |
05:48:14 |
| 22 |
BUCHHEISTER |
Sven |
66 |
05:58:03 |
| 36 |
POTIER |
Cédric |
80 |
06:09:42 |
| 40 |
LUKAS |
Jens |
66 |
06:12:27 |
| 43 |
SCHNEIDERCHEN |
Klaus |
69 |
06:17:35 |
| 148 |
WAGENBLATT |
Bertram |
60 |
07:22:49 |
| 220 |
BEIL |
Peter |
51 |
07:50:13 |
| 247 |
BOERNER |
Gerhard |
56 |
08:03:08 |
| 268 |
ISENMANN |
Friedbert |
60 |
08:12:47 |
| 284 |
MEWES |
Michael |
63 |
08:18:52 |
| 314 |
VOLLMER |
Jürgen |
65 |
08:27:53 |
Stefan Hinze, 06 2009; die Veröffentlichung der Fotos erfolgt mit freundlicher Genehmigung von "sportograf.com".
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